Über Wirbelsäule, Hüfte & Babytragen

veröffentlicht von Julia am 23. July 2013

Unser Rücken ist nicht ganz gerade geformt. Steht der Menschen im Seitenprofil, erkennt man 4 leichte Kurven, die eine S-Form ergeben. Diese Kurven helfen uns flexibel und ausbalanciert zu bleiben. Jedoch werden wir nicht mit dieser Kurve geboren, sie entwickelt sich im ersten Lebensjahr. Diese Entwicklung kann in 3 Phasen unterteilt werden:

Die ersten 12-18 Monate

wirbelsäulenentwicklung2_klNach der Geburt hat die Wirbelsäule des Kindes die Form einer langen C-förmigen Kurve (totale Kyphose). Die Rückenmuskulatur ist zu dieser Zeit nicht stark genug, den Rücken zu strecken. Das Neugeborene hat weder die Kraft sein Köpfchen zu halten, noch hat der Rücken die Form dies zu tun. Aber sobald die Muskeln stärker werden, fängt dein Kind mit 3-4 Monaten an, seinen Kopf zu heben und die Halswirbel richten sich auf (Hals-Lordose), um den schweren Kopf zu halten. Wenn das Baby mit ungefähr 9 Monaten zu sitzen beginnt, werden die Muskeln in der Mitte der Wirbelsäule stärker und unterstützen den Rücken des Babys (Brust-Kyphose). Zum Schluss wird der untere Rücken (Lendenwirbel) gestreckt und krümmt sich in die andere Richtung (Lenden-Lordose). Die Phase ist beendet, wenn das Kind mit etwa 12-18 Monaten anfängt zu laufen. Die typische S-Kurve hat sich gebildet und die Muskeln des Kindes können den gesamten Rücken halten.

Je jünger das Kind umso wichtiger ist es daher beim Tragen, die natürliche Form des Rückens in seiner ganzen Länge zu stützen. Zugleich sollte der Rücken nicht in eine gestrecktere, aufrechtere Haltung, als er natürlich annimmt, gedrückt werden, da so die Entwicklung gestört werden kann. Auch die Größeren brauchen entsprechende Unterstützung, wenn sie in der Tragehilfe einschlafen und die Muskeln sich entspannen.

Dein Baby möchte getragen werden

JPMB_ASHAusschnitt_kl_mit WirbelsäuleWährend der Schwangerschaft sind die Beine des Embryos um ca. 90 Grad gebeugt. Diese Beugung wird bis zum Ende der Schwangerschaft zunehmend stärker, bis das Kind die Beine im engen Bauch der Mutter nicht weiter anziehen kann. Für Neugeborene ist es deshalb fast unmöglich sich komplett auszustrecken. Liegt dein Baby auf dem Rücken, zieht es automatisch seine Oberschenkel in Richtung seiner Brust (Schön 2007). Auch wenn das Kind hochgehoben wird, winkelt es automatisch seine Beine an. In Kombination mit den natürliche Greifreflexen, bereitet sich das Kleine so vor, von einer Bezugsperson aufrecht mit Bauch zum Körper getragen zu werden. Man kann sagen: nicht nur die Anatomie ist gut für das Tragen, auch das Tragen ist gut für die Anatomie. Das Kind muss gegen die Erdanziehungskraft arbeiten. Die aufrechte Position hilft ihm so ausgleichende Bewegungen zu üben, sowie Muskeln und Feinmotorik zu stärken. Die natürliche Position wirkt beruhigend, ist verdauungsförderlich. Außerdem ist es die beste Position zur Thermoregulierung und bietet einen natürlichen Schutz der inneren Organe (Montagu 1986).

Wenn ein Kind geboren wird, sind Teile seines Skeletts Knorpel und noch nicht zu Knochen ausgebildet. Die Verknöcherung ist ein über Jahre andauernder Prozess und ist erst im Erwachsenenalter beendet. Unter anderem ist unser Becken ein Körperteil, das erst mit der Zeit verknöchert und seine volle Stabilität erreicht. Es besteht zu Beginn aus mehreren Knochen die mit Hilfe von Knorpel zusammengehalten werden. Bei einem Neugeborenen treffen an der Stelle, wo der Kopf des Oberschenkelknochens (Femur) in der  Hüftgelenkspfanne (Acetabulum) liegt, 3 Knochenteile des Beckens aufeinander, die von Knorpel umgeben sind und alles ist noch immer ein wenig weich. Auch der Kopf des Oberschenkelknochens ist noch knorpelig (Fettweis 1978; IHDI 2012). Die Verknöcherung von Becken und Oberschenkelknochen ist normalerweise nach den ersten 9 Lebensmonaten beendet. Vor allem in diesem Zeitraum ist es wichtig die Entwicklung der Hüfte zu fördern, in dem die richtige Position des Femur unterstützt wird. Denn eine falsche Haltung kann zu Hüftdyspalsien führen.

Die Anhock-Spreiz-Stellung

hüfteDie gesündeste Position dafür ist die Anhock-Spreizhaltung, auch M-Position oder Frosch-Haltung genannt. Die Kleinen nehmen diese Position, wie oben schon beschrieben, automatisch ein. Der Kopf des Oberschenkelknochens (Femur) liegt in dieser Haltung perfekt in der Hüftgelenkspfanne (Acetabulum). Die Gelenkpfanne ist gleichmäßig ausgefüllt, wenn die Beine um 90-120 Grad angehockt (Flexion) und ausgehend von der Mittellinie in einem Winkel von 30-45 Grad gespreitzt (Abduktion) werden (Büschelberger 1964; Fettweis 1992; Kirkilionis 2001; Kirkilionis 2002; Kirkilionis 2005; Kirkilionis 2006; Kirkilionis 2013; Götz 2008). Ein Kind, dass in dieser Position getragen wird, hat aufgrund der Schräglage des Beckens einen Runden Rücken; der Po hängt tiefer als die Knie. Die Winkel können dabei je nach Alter des Kindes und Statur des Tragenden varieren (Fettweis 2010). Die angegebenen Winkel sind daher als Richtwerte zu verstehen und müssen und können nicht exakt eingehalten werden. Jedoch sollte die Abspreizung den Winkel von 55 Grad nicht überschreiten (Fettweis 2010).  Die Muskulatur drückt zentral über den Hüftkopf in die Pfanne. Es entsteht im knorpeligen Teil des Gelenks ein hyprostatischer Druck, der die Verknöcherung fördert. Außerdem werden bei ständiger Bewegung der Tragenden formative Reize angesprochen (Kirkilionis 2001).

Einige der vielen Vorteile des Babytragens

Die Anhock-Spreiz-Stellung wird auch von Ärzten zur Behandlung von Hüftdysplasien empfohlen (Kirkilionis 2006). Wichtig ist, dass das Kind möglichst früh getragen wird (Götz 2008). Das Tragen deines Kindes in einer ergonomischen Tragehilfe verursacht also keinesfalls, wie so oft behauptet, Haltungsschäden. Viel mehr belegt eine Untersuchung an 192 Kindern, die in ihrem ersten Lebensjahr aufrecht getragen wurden, dass die Häuftigkeit von Haltungsauffälligkeiten im Schulalter unter dem durchschnittlichen Prozentsatz liegt (Kirkilionis 1989). Auch neuere Studien kamen zu diesen Ergebnissen (Kavuk 2009). Auch treten bei Völkern, in denen die Kinder größtenteils im Tragetuch dicht am Körper der Mutter getragen werden, Hüftgelenksfehlbildungen quasi nicht auf.

Babytragen ist also in keinem Fall schädlich, sondern wird tatsächlich ärztlich angeraten, um frühen Formen der Hüftgelenksdysplasie entgegenzuwirken.

Auch die Annahme, das Kind bekäme weniger Luft, konnte widerlegt werden. In einer Studie wurde die Sauerstoffversorgung und der Herzschlag von getragenen und nicht getragenen Kindern im Alter von 6-113 Tagen verglichen und es konnte kein signifikanter Unterschied gemessen werden (Stening 2002).

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